Zu Beginn meines Aufenthalts hat mich die Optik des in die Jahre gekommenen Zimmers noch wie ein Gang ins Museum interessiert. Das Design stammt klar aus den späten 80ern, vielleicht den frühen 90ern. Eine Akte-X-Kulisse, in der nichts erfreuliches passiert. Möbel aus einer Produktreihe, in Furnier mit mint-farbenen Fronten, die aussehen, als hätte man das Design mit Schwämmen aufgetupft. Ein in die Bettwand eingelassenes Radio der Firma eltex, made in Westdeutschland. Das vergilbte Siemens Schnurtelefon mit Tasten. Mir gefällt die Nostalgie; die Vorhänge im graphischen Design und der Stuhl mit der gepolsterten Sitzfläche könnten aus dem Wohnzimmer einer Sandra stammen, frech und jung im Jahr 1982. Mit der Zeit treten die verblassten Stellen und die Löcher im Polster stärker in den Vordergrund, als sich der Schleier des Fremden vom Anblick hebt. An den Fußleisten lässt sich erahnen, wie die ursprüngliche Farbe des fleckigen Teppichbodens gewesen sein muss. Das Bett ist frisch und sauber bezogen, aber frühere Körper haben ihre Spur tief in die Matratze eingedrückt und das Polster dünstet den unangenehmen Geruch vieler ungewaschener Nächte Fremder aus. Als schliefe ich in der Haut eines übergewichtigen, schwitzenden Rauchers. Bald kann ich den Raum nicht mehr von mir waschen, ich wache müder auf, als ich mich schlafen lege. Im summenden Flackern der Badezimmerbeleuchtung sehe ich fahl und ungesund aus.
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Gemeinde in Baden-Württemberg. Schwaben? Badischer Kartoffelsalat bei Oma jedenfalls war mit Gürkchen. Aber Oma hat sich auch nicht an Regeln gehalten. Also irgendwo in Baden-Württemberg. Sagen wir Schwabenland:
Allein essende Gäste sitzen am Tresen. Ich platziere mich sorgfältig so, dass die einzigen beiden anderen Gäste im Laden keinen Blickkontakt aufnehmen können. Der eine Herr, Mitte 50, ist hinter einer Säule verborgen und der andere, dem die Bezeichnung "Greis" kein Unrecht tut, hält den bebrillten Kopf so tief vornüber die Maultaschen gebeugt, dass er hinter drei zu Kerzenhaltern umfunktionierten Weinflaschen verschwindet. Man hat mir zwar gesagt, die Schwaben seien sehr reserviert, aber lieber gehe ich auf Nummer sicher. Mir ist nicht nach Gespräch.
Draußen wird's derweil dunkel im Augenblick.
Der Herr hinter der Säule sagt weder Danke noch Bitte, als er serviert bekommt und nach Salz fragt. Der andere richtet sich auf, lässt sich den Rest einpacken, "wie immer" sei es zu viel gewesen. Seine Augenbrauen wachsen beeindruckend vorwärts aus dem Gesicht heraus und ragen fingerbreit über den Brillenrand. Man kann an solchen Gesichtern gut erkennen, dass Behaarung Schutzfunktionen hat, ein anderer bräuchte eine Schirmmütze.
Obwohl es leer ist, es ist noch früher Abend, sind alle Gläser an der Theke blitzsauber, wie gerade erst gespült, es gibt keinen Staub, wodurch der Eindruck entsteht, dass all die Gegenstände vor Beginn jeder Schicht neu aus der Spülmaschine auferstehen. Scheint zu laufen, die Stube.Mein Magen fühlt sich wieder warm an, nach dem Essen, und meine Lebensgeister kehren zurück, wie man so sagt, bloß um sich als bleischwere Gesellschaft auf mir niederzulassen und mit vereintem Gewicht zur Müdigkeit zu werden. Mein Hotelzimmer wartet auf mich, noch drei Nächte. Vielleicht besorge ich einen Raumduft auf dem Rückweg beim Supermarkt, das Zimmer riecht unangenehm nach Zeit.
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Noch tragen die Bäume gelbes Laub und im Garten des Nachbarn blühen pinke Rosen neben kahlen Sträuchern.
Die Tage sind kurz geworden
und zum ersten Mal fühlt sich der Abend eiskalt an.
Der Herbst dieses Jahr geht so unbemerkt in seiner Unentschlossenheit vorbei,
um irgendwann unvermeidlich in die Winterruhe hineingestorben zu sein. Selbst ewigscheinendes Warten ist bei aller Untätigkeit ein Voranschreiten, ich frage mich nur, Wohin. -
Das helle Grün, das auf dem Gerstenfeld so wunderschön nach Frühling aussieht und auf den jedes Jahr im Depot-Store sprießenden, beflockten Dekokaninchen so giftig, ist einem trockenen Gold gewichen. Golden Retriever Feld, man möchte darüber streichen, mit der Hand eines Riesen.
Dabei sind die Grannen mit Widerhaken besetzt und so warten die Samen wie Gedanken auf das, was vorbei kommt, um sich festzuhalten, fortgetragen zu werden und auf fruchtbarem Boden an anderem Ort zu wachsen. Noch nicht wissend, wohin.
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ist eine entsetzlich verbaute Kleinstadt, so wie die Heimatstadt meiner Mutter, Wesseling am Rhein. Nachkriegsstädte, besoffen vom Wirtschaftswunder Betongebilde mit Blumenkübeln in die Welt trümmern. Die Verkehrsführung kann einen ganz verzweifelt machen, als winde man sich mit einem Abgasungetüm immer tiefer in die Verästelungen einer Teerlunge.
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Vier Tage und knapp 150 Datensätze später. Kürzel und Daten miteinander abgleichen, kontrollieren, korrigieren, als hätte ich stundenlang Symbole miteinander verglichen, die ich nicht in Sinn übersetzen kann. Nur darauf geachtet, dass sie nach einem bestimmten System miteinander kombiniert sind. Die guten ins Töpfchen die schlechten ins Kröpfchen. Wo ist die KI-Taube, wenn man sie mal bräuchte und warum kann sie für mich Worte finden, aber nicht zuverlässig für mich Listen kontrollieren? Wieso wollen wir überhaupt ein Tool, das Kommunikation für uns übernehmen kann? Sind so viele Emails und Texte und Hausaufgaben und Seminararbeiten für die Autor*innen bedeutungslose Akte zur Ausführung einer Funktion, die sie wesentlich nichts angeht? Wenn das so ist, wofür brauchen wir diese Texte dann überhaupt. Vielleicht gibt es nichts mehr einander zu sagen.
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Schon durch das Schaufenster sieht man, dass das Ladenlokal klein und vollgestopft ist. Man betritt den kurzen Vorraum durch die offene Glastür, neben und um den Tresen herum stapeln sich Päckchen und Pakete, links steht das Gerät, mit dem Sehtests durchgeführt werden vor dem Display, auf dem Brillen ausgestellt sind. Hinter dem Tresen befindet sich ein Regal als Raumteiler, dahinter vermutlich die Werkstatt. Ausgeblichene Girlanden mit Wimpeln feiern die 50. „Was kann ich für Sie tun?“, ich möchte mein Paket abholen, dieser Optiker ist heute auch Hermes Paketshop, eine Person, keine Angestellten. Der gebeugte Mann wirkt klein, obwohl er vielleicht mal an die 1,80m heranreichte. Er bewegt sich vorwärts, indem er die Füße in den braunen orthopädischen Schnürschuhen über den Teppich schiebt und Knie- und Hüftgelenke kaum bewegt. Das Bild ist vollständig, mit beiger Hose und Hosenträgern. Die volle Unterlippe scheint den Kopf vorn über herab zu ziehen und verstärkt den Eindruck, das alles an der Gestalt von der Schwerkraft zu Boden gezogen wird, den Blick diagonal nach unten kann man ihm nicht gerade ins Gesicht blicken. Die Pakete sind sorgfältig mit schwarzem Filzschreiber beschriftet, wie können Buchstaben alt wirken, trotzdem sucht er fast eine Viertelstunde nach meinem. Seit über 50 Jahren führt er dieses Geschäft, der Meisterbrief hängt verblasst an der Wand, der Mann muss mindestens 70 sein. Etwa so alt, wie mein Vater, der einmal Optiker war.
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Der Umzug in eine neue Stadt fühlt sich an wie das Einrichten eines Serien-Sets, mit independent Budget, ohne Drehbuch. Ich werde mein eigener Zuschauer, keine einzige Handbewegung, kein Griff ist routiniert. Jede Handlung ist gedacht, der Gang zum Kühlschrank, das Betätigen des Badlichtschalters. Mit einer merkwürdigen Aufmerksamkeit vergehen die ersten Tage. Ändert der Ort, an dem ich wohne, wer ich bin?
Unverheiratete Frau um die 40 mit zwei Katzen in Kleinstadt. Koffer stehen herum, Kisten mit ungefalteter Kleidung, eine Matratze liegt in der Ecke, Pflanzen und Kratzbäume. Die Küche sieht schon fertig aus, aber auch dort liegen gepackte Taschen. Wird sie an diesem Wohnort auch Kontakte knüpfen? Die umliegenden Gärten und Balkone sprechen mit Webergrill und Lichterkette von Pärchen, der Grad der Gepflegtheit davon, dass sie noch keine Kinder haben. Hier ist alles geputzt. Am Samstag zur Rushhour im Aldi treffen sich CampDavid und S.Oliver, die Sonderaktion Terrassenmöbel ist gut zerpflückt. Es gibt gleich zwei Schützenvereine, hier wird CDU gewählt, ein Büro der Grünen gibt es auch. Bei Tripadvisor wird die Dreifach Sporthalle als Sehenswürdigkeit aufgeführt, neben einem Erdbeerfeld, auf dem man selber pflückt und dann abwiegen lässt. Im Briefkasten eine Einladung. Ein attraktiver Mann mit dunklen, vollen Haaren und Bart streckt lächelnd die Hand aus, er wird so um die 35 sein, wie die kleinen Lachfältchen um die warmen braunen Augen verraten. Die Zeugen feiern den Todestag von Jesus und jeder ist willkommen, keine Verpflichtungen.
Ich habe ein großes Misstrauen gegen die Stadt, in unserer lebenslangen Beziehung hat sie sich verändert und aufgehört, mir Zuhause zu sein. Wenn ich auf ihre Straße trete, schreit sie mich an. Sie bedeckt mich in Ihrer Glocke aus Abgasen, die von Weitem als bräunlich grauer Schleier erkennbar ist. Sie putzt einzelne Stellen heraus, an denen die Menschen ausgehen können und an Eiscreme-Manufakturen im Frühling Schlange stehen, für eine Kugel Matcha-Sesam-Krokant, die mehr als eine viertel Stunde Mindestlohn kostet. Für eine Stunde Arbeit kann dann in der vierköpfigen Familie jeder eine Kugel Eis haben. Vierköpfige Familien dort schieben allerdings Kinderwagen, die ein Monatsgehalt verschlucken. An anderen Orten liegen die Menschen vor dem Supermarkt in Lumpen und bitten um Spenden. Geht man durch ihre Molekülwolke, wird man erstickend daran erinnert, wie der Mensch eigentlich riecht.
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Die Uhr in der Küche ist um viertel vor acht stehen geblieben. Ich erinnere mich nicht, dass schon mal ein Januar so im Nebel hing, wie dieser. Selbst die Gebäude auf der anderen Straßenseite sind unscharf.
Morgens sieht die Autobahn aus, wie ein schlechtes Computerspiel, das den gleichen, nebelweißen Hintergrund mit ein paar wechselnd fahlen Bäumen im davor immer weiter fortsetzt. Benutze Parkplatz. Gehe zu Schule. Ziehe Tür. Gehe zu Gang. Benutze Türe. Rede mit Sekretärin. Gib Kugelschreiber an Sekretärin. Gib Post-It’s an Sekretärin. Gehe zu Lehrerzimmer. Benutze Tür. Rede mit Mann mit Pausenbrot. Gib Buch an Mann mit Pausenbrot. Nimm Information. Gehe zu Tür. Gehe zu Flur. Benutze Türe. Rede mit Sekretärin. Benutze Tür. Gehe zu Flur. Drücke Tür. Gehe zu Parkplatz. Benutze Auto.
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Ungesendete Postkarten
KOS
Discover Real Greece collection
Liebe K! Der Schweiß verwischt den Kugelschreiber.
Ich existiere zwischen trinken, schwitzen, Schatten suchen und antiken Ruinen.
Und es ist gut.
Das Meerwasser, flach wie eine Badewanne ist klar wie Glas und ich habe schon eine kleine Flunder gefunden.
Mich auch, wie man so sagt – was ich machen möchte/kann als nächstes bleibt offen für einen anderen Ort.
Umarmung und Grüße!miauy christmas
Liebe B!
Die Karte kommt zwar zu spät, aber ich sah sie und habe an dich gedacht! Ich wünsche dir frohe Feiertage und einen guten Rutsch ins Neue Jahr! Es war sehr schön, dich dieses Jahr wieder getroffen zu haben und ich sage "Bis bald"! Liebe GrüßeAuf Kos ließ sich keine Briefmarke auftreiben und in Köln wartet der Briefkasten auf der anderen Straßenseite, aber es regnet zu viel.
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Das Neue liegt unter einer dünnen Schicht Schnee verdeckt wie eingestaubt und wartet auf die Sonne des Frühlings, der noch Monate entfernt ist. Zäune aus grünem Maschendraht begrenzen die Grundstücke, auf denen an knorrig gestutzten Obstbäumen jüngere Ästchen wie wilde Haare zu Berge stehen. Sie erinnern an ungekämmte garstige Greise, die die Zeit in rosige und weiße Blütenbäusche verwandeln wird. Jedes Jahr wieder ein scheinbar stilles Warten.
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Auf dem nassen, schwarzen Asphalt spiegeln sich das gelbliche Licht der Straßenlaternen und die grünen und roten Kreise der Ampeln. Ein schiefes Abziehbild des Weihnachtsbaumes, wie ein drei Tage altes Abziehtattoo, das mit dem Kaugummipapierchen kam. Es ist nur wenig Verkehr in der Nacht unterwegs, wir fahren alle merkwürdig leise, als schlichen wir in den stage wings umher, ohne noch mal die Bühne zu betreten.
Zuhause kann ich mir einen Parkplatz aussuchen, diese Leere in der Stadt wirkt angenehm gespenstisch nach den überreizten letzten Tagen. Die Einsamkeit in diesen Nächten wird dichter und legt sich wie ein lang geliebtes Kleidungsstück hüllend um die Seele, fast tröstliche Vertraute.